Matter of Typography
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Matter of Typography
Projekt (abgeschlossen)
Formprozess & Modellierung

Matter of Typography

Typographie wird im Projekt als eine Kulturtechnik verstanden und beforscht, die Zeichen als Bedeutungsträger und materielle Objekte zugleich anordnet. Zeichen werden erst an bestimmten und kulturell hoch divergent ausgehandelten Orten zu Bedeutungsträgern. Dass diese Aushandlungsprozesse wesentlich durch die Materialität geprägt sind, Typographie somit als eine materielle Kultur der Distribution von Zeichen verstanden werden muss, darauf zielt das Projekt ab. Es möchte aufzeigen, dass die Rekonstruktion der Typographiegeschichte als einer zunehmenden Digitalisierung der Gestaltungsprozesse und Virtualisierung ihrer Materialität zu kurz greift.


Forschungsthema

»Matter of Typography« setzt an der modernen Diagnose an, dass das Reale innerhalb der Gestaltung der fundamentalen Zeichen unserer Kultur – Bild, Schrift und Zahl – eine nur noch marginale Rolle spielt. Der Behauptung, mit dem Digitalen habe sich das Symbolische sukzessive vom Realen gelöst (vgl. Coy 1993), wird mit der Ausgangsthese widersprochen, dass die Materialität keineswegs aus der Gestaltung verschwunden ist, sondern vielmehr aktiv in die Gestaltungsprozesse hineinwirkt. Dieses Kräftespiel zwischen dem Realen und dem Symbolischen lässt sich besonders gut an der Typographie untersuchen, weil sie vielfältige ineinandergreifende Digitalisierungsschritte durchlaufen hat. Das Basisprojekt widmet sich der Frage nach dem Einfluss der Trägermaterialien auf Form und Bedeutung der Zeichen in drei verschiedenen Bereichen:

1.      Unter dem Titel »Digitale Typographie« wird die Entwicklung des typisierten Schreibens vom vielfach kopierten Manuskript bis zum Schriftgebrauch jenseits des gedruckten Papiers aufgearbeitet. Digitale Typographie wird hier in ihrem komplexen Umfeld von Schrift und Text, dreidimensionalem Druckmaterial und Druckfarben sowie dem Druckprozess im Kontext der Industrie und Maschinengeschichte mit ihren enormen kulturellen und sozialen Umwälzungen gesehen.

2.     Die heute im Computer scheinbar vollständige Digitalisierung von Typographie besitzt im Lichtsatz der 1950er bis 1970er Jahre ihren wichtigsten historischen Vorläufer. In der analogen Manipulierbarkeit von Licht bereiteten sich schon Technologien und Praktiken des Digitalen vor. Im Forschungsfeld Typographie und Licht wird der wechselseitige Austausch zwischen optischen Systemen, Trägermaterialien und gestalterischen Praktiken auf seinen Eigensinn und seine Produktivkraft für die Formulierung typographisch-symbolischer Ordnungen hinterfragt.

3.      Als wichtigstes Merkmal der Typographie wird im Basisprojekt das Raster gesetzt, das als eine fundamentale Kulturtechnik der Verortung wirkt (Siegert 2003: 93). Insofern legt dies auch die Untersuchung von Bildmarken nahe, die als Schriftbild und Gegenstand im Raum emergieren. Dafür ist das stark fluktuierende und kooperative ästhetische Programm des Bauhauses geradezu paradigmatisch. Seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte wird unter der Prämisse beforscht, dass sich die Bedeutung und Wirkmächtigkeit der Schriftbildmarke Bauhaus nur vor dem Hintergrund ihrer Koproduktion durch Gestalter, Mediatoren und Rezipienten verstehen lässt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Einfluss der wechselnden Trägermaterialien auf Form und Bedeutung der Zeichen.

Zielsetzung und Durchführung

Die Entwicklung der Typographie in der Moderne und bis heute geht weit über den Druckprozess hinaus, wobei drei Wirkrichtungen im Basisprojekt thematisiert werden:

1.      In den Blick genommen werden mögliche Varianten der Zukunft der Digitalisierungsprozesse am Bildschirm, in der Projektion oder im virtuellen Raum. Die entscheidenden technischen Fragestellungen setzen sich aus heutiger Sicht mit dem geräte- und nutzerresponsiven Satz auseinander und fordern eine Analyse und Bewertung ihrer Auswirkungen auf die Typographie. 
Für eine grundlegende Einschätzung dieser Entwicklung werden in praktischen Versuchen die typographische Wirkung unterschiedlicher Druckmaterialien selbst (z. B. Pergament, Kunststoffe, 3D-Varianten, Schmuckfarben und LED- bzw. Lasersteuerung) experimentell untersucht und danach Versuche mit Typographie jenseits des Drucks unternommen, also im virtuellen Bild bzw. im Rahmen von Augmented Reality (Google Glass bzw. vergleichbare neuere Ausgabegeräte).

2.     Die deutliche Persistenz eines bleisatztypischen geschlossenen ›Seitenaufbaus‹ im Digital Publishing wirft die dringende Frage nach einem lichttypographischen Satzverständnis auf, das analysiert und auf ein historisches Medienmodell für eine Typographie des Lichts hin verdichtet werden soll. Um die historischen Transformationsmomente innerhalb der Technik des Lichtsatzes konkreter beschreiben zu können, wird die technologische Entwicklung in Deutschland untersucht, wie sie ab den 1950er bis in die 1970er Jahre von der Berliner H. Berthold AG dominiert wurde.

3.      Neue Marketingstrategien wie das »Flexible Corporate Design«, die »Dynamic Identity« und das »Liquid Branding« fordern eine Untersuchung der gestaltbildenden Faktoren, die darin wirksam werden. Anhand der Bauhaus-Typographie als Liquid Branding avant la lettre lässt sich herausarbeiten, in welcher Weise welche Akteure an solch einer koproduktiven typographischen Gestaltbildung beteiligt sind, welche Rolle dabei der verfügbaren Hardware zukommt und sie rückt die Zusammenhänge der Bedeutungsverschiebungen in den Blick. Begleitend werden diese Faktoren in exemplarischen Gestaltungsversuchen experimentell verhandelt und beforscht.

 Ergebnissicherung

Die Ergebnissicherung des Projekts erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Geplant sind, neben der kontinuierlichen Verzahnung der drei Projektbereiche über Thementreffen, Workshops und Exkursionen, die Durchführung von Fachtagungen, interdisziplinäre Lehrveranstaltungen im Rahmen des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik, die Herausgabe von Fachpublikationen und Ausstellungsbeiträge.  




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