Das Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik veranstaltet gemeinsam mit der Stiftung Mercator die Helmholtz-Vorlesung.
Prof. Dr. Johannes Krause (Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena) spricht zum Thema:
Die genetische Herkunft der Europäer: Migration und Anpassung in der Vorgeschichte
Die
Frage nach unseren direkten Vorfahren und der Entwicklung des
modernen Menschen beschäftigt die Wissenschaft seit langer Zeit.
Dabei war man sich seit der Entdeckung des Neandertalers vor 160
Jahren uneinig darüber, wie die Ausbreitung des Menschen auf dem
europäischen Kontinent erfolgt sein könnte: hat es in Afrika und
Eurasien parallel nebeneinander existierende Populationen gegeben, so
dass der moderne Mensch ein direkter Nachfahre des Neandertalers sein
muss, oder hat er sich in Afrika entwickelt und von dort aus über
die gesamte Erde ausgebreitet? Erst die junge Disziplin der
Paläogenetik lieferte mit ihren Ergebnissen die für die Klärung
des Sachverhalts entscheidenden Resultate. So zeigte die nach
modernsten technischen Standards durchgeführte Analyse
vorgeschichtlichen Genmaterials und dessen Vergleich mit dem Genom
moderner Menschen, dass es in Eurasien sogar mindestens drei
unterschiedliche Populationen gegeben haben muss, die sich
kontinuierlich durchmischten und so zum modernen Menschen führten.
Im Rahmen der Helmholtz-Vorlesung wird der Paläogenetiker Johannes Krause genauer auf das für die Forschungsergebnisse entscheidende Verfahren der DNA-Sequenzierung eingehen. Damit gelang die Sequenzierung der vollständigen Genome eines etwa 7000 Jahre alten Bauern und eines etwa 8000 Jahre alten Jäger-Sammlers aus Zentraleuropa sowie die Analyse des genetischen Materials von 92 weiteren Individuen, die vor 8000 bis 3000 Jahren gelebt haben. Im Vergleich mit dem genetischen Material moderner Menschen aus 185 verschiedenen Populationen ergab sich die beschriebenen Erkenntnis geführt haben. Krause wirkte selbst an der Entschlüsselung des Erbguts des Neandertalers mit, die entscheidende Anhaltspunkte dafür gab, den Neandertaler als separate ausgestorbene Menschenlinie sehen zu müssen. Außerdem gelang ihm und seinem Team anhand von genetischen Daten aus einem sibirischen Fossil zuerst der Nachweis einer neuen Menschenform, nach dem Fundort Denisova-Mensch genannt, die als dritte genetisches Material an den modernen Menschen weitergegeben hat.
Johannes
Krause (geb. 1980) studierte Biochemie an der Universität Leipzig
und am
University College Cork, Irland. Daran anschließend promovierte er
2008 am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in
Leipzig im Fach Genetik bei
Svante
Pääbo. Von 2010 bis 2013 arbeitete er als Juniorprofessor an der
Universität Tübingen, und
2013 wurde er dort
auf
den Lehrstuhl
für Archäo- und Paläogenetik berufen.
Seit Juni 2014 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für
Menschheitsgeschichte in Jena. Neben der Analyse alter und sehr alter
DNA und der Aufklärung
der menschlichen
Evolution zählen auch die
Krankheitserreger von
historischen Epidemien zu seinen Forschungsinteressen. Zur
Unterstützung seiner herausragenden Forschungsarbeit
erhielt Krause vielfach Fördermittel, unter anderem gewann
er
2013
einen
ERC Starting Grant für
die Pathogenomik von wiederkehrenden Infektionskrankheiten, mit einem
Fördervolumen von 1 500 000 Euro. Außerdem ist Johannes Krause seit
diesem Jahr korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen
Instituts und des CARTA (Center for Academic Research & Training
in Anthropogeny).
Über die Helmholtz-Vorlesungen:
Die Helmholtz-Vorlesungen bringen einem breiten Publikum schwierige wissenschaftliche Sachverhalte in einer verständlichen und unterhaltsamen Form näher. Sie sind an die interessierte Öffentlichkeit und nicht an ein Fachpublikum gerichtet, auch wenn sie, ganz im Sinne von Hermann von Helmholtz, grundsätzlich von wichtigen neuen Ideen, Entwicklungen oder Perspektiven im Detail handeln.
Veröffentlichungen zum Thema:
Krause, Johannes & Pääbo, Svante (2016): Genetic time travel. Genetics 203: 4.
Lazaridis, Iosif, Krause, J. u.a. (2014): Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature 513: 409 - 413.
Krause, J. (2014): Die molekulare Stammesgeschichte des Menschen: Steckt in uns allen ein kleiner Neandertaler? Senckenberg: Natur, Forschung, Museum; das Senckenberg-Wissenschaftsmagazin 144: 274 - 277.
Gefördert durch
Stiftung Mercator